Paul Schultze-Naumburg - Kunst und Rasse

Den „Irrweg“ der Moderne versuchte Paul Schultze-Naumburg 1928 mit seinem Buch „Kunst und Rasse“ anzuprangern.

 

    Die Schrift ist ein rabiat eugenisches Werk, das primitive sozialdarwinistische und rassistische Argumente nicht scheut. Der Autor versuchte darin, den Künstlern der Moderne geistigen und körperlichen „Kretinismus“ nachzuweisen und sie dadurch gleichsam als geistig Behinderte zu brandmarken. Als argumentativen Ausgangspunkt wählte er die demagogische Feststellung, dass die auf den Bildern wiedergegebenen menschlichen Figuren jeweils der Gestalt oder zumindest dem Typus des Malers selbst ähnelten. Das belegte er, neben geschickt gewählten Bildern, mit Zitaten Leonardo da Vincis.

 

    Von dieser These ausgehend, wendete er sich den Malern der Moderne zu. Er glaubte beweisen zu können, dass bei diesen eine „Entartung“ vorläge, da die auf ihren Bildern dargestellten menschlichen Figuren häufig mit körperlichen Anomalien behaftet seien, die – wie Schultze-Naumburg vorgibt – Rückschlüsse auf die Schöpfer der Kunstwerke erlaubten. Er versuchte, seine Behauptung des biologischen Verfalls durch falsche und diskriminierende Bildverbindungen zu belegen.

 

In Schultze-Naumburgs kulturell argumentierendem Rassismus sind unschwer Züge seiner ästhetischen Enttäuschung und politischen Radikalisierung festzustellen. Die von ihm immer wieder beklagten Umweltzerstörungen und Disharmonien der Moderne meinte er in der Kunst diagnostizieren und bekämpfen zu können.
Nach dem Versagen seines pädagogischen und kulturkritischen Bemühens sah er den Weg zur Besserung und „Gesundung“ nur noch darin, das, was er als „krank“ (also „entartet“, „undeutsch“ oder „modern“) empfand, einzudämmen, auszugrenzen, auszumerzen und entsprechend die Züchtung des biologisch „Gesunden“ zu forcieren. Eine derartige kulturbiologische „Gesundung“ war für ihn wie für viele Anhänger des damaligen eugenisch - rassehygienischen Denkens die notwendige Voraussetzung, den Menschen wieder in Einklang mit seiner Umwelt sowie auf einen kultur- und „erbgesunden“ Weg zu bringen.

 

1892/93 veröffentliche der Kulturkritiker Max Nordau sein Werk „Entartung“, in dem er nachzuweisen versuchte, dass die Entartung der Kunst auf die Entartung der Künstler zurückgeführt werden könne. Seine Thesen wurden später von den Nationalsozialisten aufgegriffen.
Auch Schultze-Naumburg scheint diese These in Kunst und Rasse zu vertreten. Während er in Kunst und Rasse bei den alten Meistern in der Regel deren Selbstporträts mit anderen von ihnen geschaffenen Figuren konfrontierte, zeigte er bei den Künstlern der Moderne kaum Selbstbildnisse, sondern stellte deren Kunstwerken meist Fotos von geistig und körperlich Behinderten gegenüber, um bei den Betrachtern parallelisierende Assoziationen auszulösen.
Diese Montagetechnik wurde 1937 ein Vorbild für die Ausstellung „Entartete Kunst“, mit der die Nationalsozialisten die gesamte moderne Kunst pauschal diskriminieren wollten.

 

Die Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde am 19. Juli 1937 in München in den Hofgarten-Arkaden eröffnet und stellte 650 beschlagnahmte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen dar.
Bis April 1941 wanderte sie durch 12 weitere Städte. Sie zog mehr als 3 Millionen Besucher an und damit mehr als die zeitgleich laufende "
Große Deutsche Kunstausstellung" im Haus der Deutschen Kunst. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde von Joseph Goebbels ins Leben gerufen und von Adolf Ziegler, dem Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, geleitet.
Als „Entartete Kunst“ wurden im NS-Regime alle Kunstwerke und kulturellen Strömungen angesehen, die mit dem Verständnis für Kunst und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten nicht übereinstimmten, wie:
Dadaismus, Expressionismus, Fauvismus, Jazz, Kubismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus
Als „entartet“ galten unter anderem die Werke von:
Ernst Barlach, Willi Baumeister, Max Beckmann, Charles Crodel, Otto Dix, Max Ernst, Otto Griebel, George Grosz, Erich Heckel, Karl Hofer, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Elfriede Lohse-Wächtler, Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Emil Nolde, Otto Pankok, Max Pechstein, Oskar Schlemmer, Karl Schmidt-Rottluff

In der Ausstellung „Entartete Kunst“ wurden die Werke dieser Künstler mit Darstellungen von geistig Behinderten gleichgesetzt und mit Fotos verkrüppelter Menschen kombiniert, die bei den Besuchern Ablehnung und Beklemmung auslösen sollten.
So wollte man den Kunstbegriff der avantgardistischen Moderne ad absurdum führen und moderne Kunst als „entartet“ und als Verfallserscheinung verstanden sehen.
Diese Präsentation „kranker“ bzw. „jüdisch-bolschewistischer“ Kunst diente ebenfalls zur Legitimierung der Verfolgung „rassisch Minderwertiger“ und auch „politischer Gegner“.
Gleichzeitig mit der Ausstellung erfolgte die Beschlagnahmung von etwa 16.000 modernen Kunstwerken, die zum Teil ins Ausland verkauft oder zerstört wurden. Damit begann auch die „Säuberung“ der deutschen Kunstsammlungen.

 

Max Nordau und Paul Schultze-Naumburg (an der Ausstellung selber war er nicht beteiligt) können insgesamt durchaus als die geistigen Ziehväter der späteren Ausstellung "Entartete Kunst" und deren Folgen bewertet werden.
 

 

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